Firmen und Werte

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Als Berliner B2C Startup führte die Gründung eine Zeitlang scheinbar immer im Nachtexpress jenseits der Alpen, um sich dort ein paar Tage lang bei Büffelmozarella und Rosso Nero zu einer möglichst klingenden Firmierung inspirieren zu lassen. Da von Investmentbanken einerseits Schnelligkeit und Durchsetzungsfähigkeit, andererseits Bodenständigkeit und Nibelungentreue zum Kunden erwartet werden, teilt sich das Feld unter dieser Art von Beratern und was den Unternehmensnamen betrifft, zwischen auf dynamische Tech-Transaktionen spezialisierte Player mit angelsächsischem Einschlag und solchen, die eher den Soliditäts-Aspekt hervorheben, hoffend, so bei mittelständischen Kunden zu punkten. Das sind dann die Lateiner und Griechen unter den Corporate Finance Consultants. Irgendwann ist man Brandname und die Firma spielt keine Rolle mehr. Bis dorthin hat man Zeit, mit seiner Entscheidung leben zu lernen.

Was meinen eigenen Lateinunterricht angeht… blieb immerhin eine gewisse Nähe. Womit die Entscheidungsnadel sich dann in diese Richtung bewegte. Mit den kreativen Prozessen, die ich mir auferlegte, um den eigentlichen Namen zu finden, soll die Nachwelt nicht belastet werden. Der Seneca zugeschriebene Ausspruch „filosofia non in verbis, sed in rebus est“, dass es also mehr auf Taten als auf Worte ankomme, erschien mir dann aber mehrfach passend.

Dabei waren mir zwei Aspekte schon damals bewusst (ganz abgesehen davon, dass man mir nachsagt, privat nicht der gesprächigste zu sein), nämlich, dass ich wohl immer eher zu den Beratern gehörte, die eher auf abgeschlossene Transaktionen, als einen glatten Marketingauftritt Wert legen und zum anderen, dass man bei Transaktionen nicht umhinkommt, darzustellen, was ein Unternehmen im Kern ausmacht und wie es um die Performance bestellt ist, in beiden Fällen „in rebus“ eben (ungeachtet aller Anstrengungen, die der gute Berater zusammen mit dem Kunden unternimmt, glaubwürdig Chancen und Potenziale herauszuarbeiten).

Auf der sprachlichen Ebene ereilte mich erst dieser Tage die Einsicht, dass „Filosofia“ sich natürlich aus dem Griechischen ableitet, und sich aus der Liebe (filea) zur Weisheit (sofia) zusammensetzt. Das geht mindestens zwei Schritte weiter, als ich diese kleine Betrachtung führen möchte. Was mir allerdings auf einer nicht ganz so abstrakten Ebene unlängst auch auffiel, ist, wie sehr die Beteiligten an einer Transaktion davon abhängig sind, innerhalb dieses Prozesses eine ähnliche Philosophie zu verfolgen.

Als Prozesse nehmen Unternehmenstransaktionen, wie auch an anderer Stelle unterstrichen, in der Vorbereitung und Umsetzung jedenfalls immer mehrere Monate in Anspruch. Selbstverständlich werden von den Beteiligten dabei die Tugenden eines „ehrbaren Kaufmanns“ erwartet, dessen Definition ich dem Leser überlasse.

Darüber hinaus erscheinen mir folgende Werte viel wichtiger, als man glaubt, um erfolgreich zu sein:

Frustrationstoleranz

Die Erwartungen an eine Unternehmenstransaktion können sich im Prozessverlauf entwickeln, gehend wir hier einmal davon aus, dass die Erwartungen zunehmen. Andererseits ist nicht ausgeschlossen, dass aussichtsreiche Kaufinteressenten von einer Übernahme Abstand nehmen, auch aus Gründen, die mit dem Zielunternehmen weniger zu tun haben. Auch auf Käuferseite gibt es in der Regel mehrere Gesellschafter, deren Entscheidungsfindung nicht ganz so transparent verläuft, wie auf der eigenen Seite. Kurzum, der Prozess beinhaltet Ups und Downs. Was Vorteile haben kann, die man nicht sogleich erkennt. Aus Erfahrung ist man mit schnell abgeschlossenen Transaktionen nicht immer langfristig glücklich. Diese Zyklen durchzustehen fällt niemandem leicht, auch hier wird einem der Erfolg nicht geschenkt.

Lernbereitschaft

Ich versuche im Zuge einer Transaktion jedes Gespräch mit einem Investor oder Käufer als Lernerfahrung zu sehen, die ich unbedingt immer an meinen Mandanten weitergebe. Natürlich glaubt man seine SWOT-Liste zu kennen, aber die Sicht eines potenziellen Investors auf das jeweilige Unternehmen ist oft eine wertvolle Ergänzung. Mit der Zeit entwickelt sich so ein immer realistischeres Bild des eigenen Unternehmens, das in der Außendarstellung und Vermarktung äußerst hilfreich sein kann. Das entsteht aber nur dann, wenn man zuhört.

Teamgeist

In jeder von mir begleiteten Transaktion gab es mehrere Teams, vielmehr ein sich ständig erweiterndes Team. Einmal die Gesellschafter des Zielunternehmens, die sich natürlich gut kennen, dann aber um den oder die M&A Berater ergänzt werden. Diese durchlaufen einen guten Teil der Wegstrecke zusammen, bis sie sodann durch den rechtlichen Berater ergänzt werden.

Dieser, sofern er nicht schon zuvor mit dem Unternehmen zu tun hatte, muss ebenso noch Tuchfühlung mit den verkaufenden Gesellschaftern, dem Unternehmen und Geschäftskonzept aufnehmen. Eine ganze Reihe von Bedingungen im Kaufvertrag hängen auch vom Geschäftsmodell des Unternehmens und der entsprechenden Chancen- & Risiko- Einschätzung zusammen.

Vielleicht überraschenderweise kann aber auch der Käufer selbst in einer späteren Phase der Transaktion als Partner gesehen werden, dessen Unterstützung sehr nützlich sein kann, um ohne vermeidbares Stolpern durch den Due Diligence Prozess zu kommen. Ein Denken in Antagonisten, sich nur im Verhandlungsprozess gegenüber stehenden Parteien, führt hier nicht weiter. Ab einem bestimmten Punkt hat eine immer größere Anzahl von Parteien Interesse am Zustandekommen der Transaktion, man zieht an einem Strang und unterstützt sich gegenseitig.

Humor

Das Tüpfelchen auf dem i und nicht jedem gegeben. Wenn aber alle Nerven schon etwas angespannt sind und dann die Montag 8 Uhr (früh) Konferenz zwischen den verkaufenden Gesellschaftern, deren Anwälten und dem M&A Berater ansteht, um sich auf die nächste Verhandlungsrunde zu einem, samt Anlagen, doch umfangreichen Vertrag vorzubereiten, kann das Quäntchen Humor wirklich sehr helfen, auch die letzten Meter noch gut über die Runden zu kommen.

Nun stellen Sie sich eine Transaktion als einen Prozess vor, bei dem Sie vielleicht etwas leiden mussten, aber fortlaufend neue Erkenntnisse sammelten, den Eindruck hatten, im Team an einem Strick zu ziehen und auch mal einen Witz machen zu können, ohne scheel angesehen zu werden. Dann stimmen Sie vielleicht zu, dass das gut investierte Zeit war. Was den eigentlichen Transaktionserfolg noch viel wertvoller macht.